Im Herbst schicken meine Hofleute jeden Gast einmal hinauf nach Vernagt. Der Vernagt-See liegt dort auf 1.689 Metern, die Lärchen rundherum leuchten gelb und orange, und das Wasser hat diese Farbe zwischen Smaragd und Türkis, die auf keinem Foto so aussieht wie in Wirklichkeit. Oben drüber glitzern die ersten Schneekappen auf den Ötztaler Alpen. Wer da steht, denkt sich: Schöner geht es nicht. Ich alter Hof denke bei diesem See auch noch an etwas anderes. Ich denke an acht Höfe, die es nicht mehr gibt. Obacht: Diese Geschichte ist keine aus einem Hochglanzprospekt. Aber sie ist wahr. Und deshalb gehört sie zum Schnalstal wie ich Oberraindlhof.
Was der Vernagt-See verschluckt hat
Es war einmal ein kleiner Weiler mit kleinen Höfen: Ober- und Unterörl mit dem Einhof Nuihaus, Ober- und Untergamp, Ober- und Unterleit und das Spechtenhaus. Dazu das Leiterkirchlein, das die beiden Leithöfe 1727 als Kapelle gestiftet hatten. Später kam ein größeres Kirchlein dazu, 1820 der Turm, von dem noch die Rede sein wird. Der Weiler hieß Vernagt.
In den 1950er Jahren begannen die Etschwerke von Bozen und Meran mit dem Bau einer Mauer. 65 Meter hoch. Für das Wasser, das sich dort stauen sollte. Und dieses Wasser sollte dann durch einen Stollen hinunter nach Naturns und dort Strom machen, und Strom brauchte das Land nach dem Krieg dringend. Am 31. Juli 1957 wurde im Leiterkirchlein die letzte Messe gelesen. Dann kam das Wasser.
Vernagt: Worüber man im Tal nicht redet
Um ihre Meinung gefragt hatte man sie nicht, es wurden einfach Tatsachen geschaffen: Acht Bauernfamilien mussten weg. Manche besaßen Grund außerhalb und konnten irgendwo neu anfangen. Andere hatten nichts als den Hof, der jetzt am Grund des Sees liegt, und mussten das Schnalstal verlassen. Und einige wollten gar nicht gehen. Sie blieben, auch als das Wasser schon stieg. Wie das ausging, darüber hat man hier lange geschwiegen. Ich weiß nicht, ob aus Scham oder aus Respekt vor den Nachbarn oder weil man im Tal lieber nach vorn schaut als zurück.
Ich als Oberraindlhof stehe seit 1581 an meinem Platz und weiß, was ein Hof für eine Familie ist. Er ist Stall und Stube, Arbeit und Erinnerung, er ist der Ort, an dem die Kinder laufen lernen und die Alten sterben. Das Leid der Leute damals hat heute eine neue Brisanz. An vielen Stellen dieser schönen Welt muss Mensch und Natur weichen: Der Stromhunger neuer Technologien ist unersättlich.
Und auch wenn diese Geschichte keine heitere ist, möchte ich mit Schönem enden. Mit einer Einladung zu uns ins Schnalstal. Wenn ihr hier klickt, dann verrate ich euch, wo es sich besonders gut schläft.



